st. markus, münchen, maxvorstadt, 2006

christian und mia winter mit andreas schindhelm, orla connolly und jens weber
kirchenumbau, umbau und renovierung, gutachten

 

 

 

 

 

 

 

architekten christian und mia winter mit andreas schindhelm
projektname st. markus
bauherr evang-Luth. kirche st. markus
photografie / grafik orla connolly und jens weber
jahr sept. 2006
standort münchen, maxvorstadt
programm kirchenumbau
konstruktion bestand + glasbaukörper/ mischbauweise
leistungsphasen gutachterliches planungsverfahren
fotografie jens weber
projektnummer 0604


Gegenstand des Gutachtens ist die Umgestaltung des Kirchenraumes und die Verbesserung der Infrastruktur der um den Chor angelagerten Gemeinderäume.
Die Lösungsansätze nehmen die von Gustav Gsaenger vor gegebene Ordnung
( offen/ geschlossen ) auf und artikulieren die Anforderungen der Gemeinde neu.
Die Struktur der alten Kirche St. Markus bleibt erhalten, wobei dem Bestand neue Architekturelemente hinzugefügt werden.

Kirche der Sammlung und des Lichtes

Grundlegender Ansatz ist, für die Gemeinde ein neues Zentrum der Versammlung zu schaffen. Die Neuordnung betrifft sowohl den Kirchenraum (neue Position des Altares; Liturgiekonzept) als auch den Bereich des Gemeindehauses. Die architektonischen Mittel sollen dabei zurückhaltend eingesetzt werden. Situationen werden vereinfacht, auf wesentliche Innhalte reduziert und neu interpretiert. Gleichzeitig sollen aber die durch die Neuinterpretation gewonnenen Möglichkeiten der Gemeinde helfen, an diesem Ort, ihr Profil als, lichtes Zeichen auch im Hinblick auf übergeordnete repräsentative Aufgaben zu entwickeln.

Die Lösungsansätze entwickeln sich um drei Schwerpunkte:

Der Kirchenraum
Das Gemeindehaus
Weiterführende Gedanken in Zusammenhang mit dem Thema Projektkirche (Veranstaltungskirche)

Kirchenraum: Licht in den Chor

Der Chorraum als lichter Raum in der Reihung liturgischer Orte. Alle Glasfenster erhalten neue Brillanz und Leuchtkraft (Rückbeleuchtungssystem). In den Boden eingelassene Strahler erhöhen die Lichtdichte an der Raumumfassung. Lichtöffnungen im Dachbereich bringen Tageslicht und Schattenverlauf.

Chorraum

Hier soll ein Raumbereich entstehen der eine eigene Identität gewinnt. Durch eine räumliche Separierung vom Kirchenschiff in Form der neu zu schaffenden Altarrückwand kann ein Raum der relativen Zurückgezogenheit entstehen. Dieser Raumeindruck wird durch den Niveauunterschied und die Einschnürung des Chorbogens unterstützt. Eine flexible Bestuhlung eröffnet eine mögliche Nutzung z.B. als Werktagskapelle.
Der vorhandene Altar bleibt erhalten, wird aber an die veränderte Raumproportion angepasst (Rückenplatte entfällt, eine Stufe wird abgetragen).
Um einer Abtrennung des Chorbereiches entgegenzuwirken wird die Schnittsituation der Treppen zu Gunsten einer fließenden Anordnung verändert.
In ihrer Abfolge entwickeln die Räume immer intimere Qualität. Zuletzt steht hier die Sakristei für persönliche Gespräche zu Verfügung.

Altar

Es entsteht ein neuer Altar im Bereich des Kirchenschiffes (Mensa im Mittelpunkt der Gemeinde). Der bewegliche Altar kann an der Rückwand beginnend bis in das Kirchenschiff hinein verschiedene Positionen einnehmen. Er wird so zu einem Element in Mitten der Gemeinde und ein Zeichen gemeinschaftlicher Liturgie-erfahrung.
Gleichzeitig wird eine zu große Nähe zu dem vorhandenen Altar vermieden. Wichtig bleibt die Präsenz des Altares im Kirchenraum. Der Altar wechselt die Position, hat aber seinen Ort am Übergang zwischen Chor und Kirchenschiff.

Intarsie

Der neu gestaltete Chor und die Altarerweiterung sind auf einem, zum Kirchenboden heller abgesetzten, Stein versammelt. Die Orte der Andacht und der liturgischen Handlung stehen so in engen Zusammenhang und erhalten einen eigenen Charakter.

Zugang

Um eine Querbeziehung zwischen den Treppenräumen herzustellen, um Licht in den Eingang hereinzuholen und vor allem um den Hauptzugang aufzuwerten und um die Kirche stärker mit dem umgebenden Stadtraum zu verweben sollen zwei Durchbrüche zu den angelagerten Treppenräumen hergestellt werden.

Café als wanderndes Element in der Gemeinde

Die Türme sind im jetzigen Zustand nicht geeignet Nutzungen aufzunehmen.
Wir schlagen deshalb vor keine festen Einbauten vorzunehmen, sondern eine flexible Cafèbar, eine wandernde Box, die im Kirchenraum, oder auf den seitlichen Vorplätzen im Außenbereich eingesetzt werden kann. So kann flexibel auf verschiedene Situationen reagiert werden kann.

Gemeinderäume:

Im Umbaukonzept von Gustav Gsaenger aus den Jahren 1955-57 wird der Bereich der Gemeinde um den Chor entwickelt. Die damit einhergehende Fassadengestaltung gehört zu den hervorragenden Leistungen im Sakralbau dieser Zeit.
Die damals entstandenen Gemeinderäume und die Infrastruktur entsprechen nicht mehr den aktuellen Anforderungen.
Wir schlagen ein neues Entre an der nord-westlichen Fassadenseite vor. Hier entsteht die neue Adresse der Gemeinde, ein neuer Empfang und Treffpunkt.
Ein schmaler Glaskörper, macht den Gemeindezugang von der Strasse aus sichtbar. Hier befindet sich der erdgeschossige Zugangsbereich. Die Nordfassade bleibt so von Eingriffen unberührt. Der Außenraum im rückwärtigen Teil der Gesamtanlage bleibt in seiner Proportion erhalten. Der in der Nacht leuchtende Glaskörper ist Zeichen einer sich mutig öffnenden Gemeinde.

Treppenhaus

Das Treppenhaus mit Aufzug befindet sich innerhalb des Gemeindehauses. Es entsteht ein gemeinsamer über alle Geschosse erlebbarer Erschließungsbereich mit Blickbeziehungen auch über die verschiedenen Niveaus hinweg.
Alle hierher angelagerten neuen Gruppenräume erhalten Glaswände, die sich zum Treppenraum öffnen lassen. Es entstehen unterschiedliche Raumsituationen.
Eine, im gemeinsamen Bewegungsraum angeordnete Cafébar, lädt zu ungezwungenen Begegnungen ein. Ineinander fließende Treppenräume und verschiedene Blickbeziehungen zu einzelnen Ebenen, unterstreichen eine offene Kommunikation.
Durch die Entkernung und Neuorganisation wird die Umlagerung der Raumschicht um den Chor spürbar gemacht.
Ein Steg verbindet die westlichen mit den östlichen Gebäudeteilen.

Versorgungstrakt

Der Versorgungstrakt mit Toiletten, Putzraum, Heizung und Lagerflächen befindet sich im Untergeschoss. So wird für Kirchenraum und Gemeindebereich ein gemeinsam nutzbarer Lagerbereich geschaffen.
Zusätzlich befinden sich Toiletten im Dachraum.

Denkmalpflege

„Das Gebäude der Kirche ist vom Leben der Kirche erfüllt“ (Herbert Muck).
Ein Kirchengebäude ist Teil des christlichen Kulturerbes und als solches müssen die einzelnen Bausteine verschiedener Zeiten auch betrachtet werden. Eine Anpassung der Räume an sich ändernde Bedürfnisse im Sinne einer interpretierenden Denkmalpflege scheinen jedoch möglich und nötig für die lebendige Entwicklung der Gemeinde.
Die Eingriffe in den Kirchenraum passen sich in die Raumschale ein und unterstützen das vorhandene Raumkonzept. Der Außenbereich bleibt ebenfalls erhalten. Es gibt keinen störenden Treppenturm. Die Glasfassade im Bereich der Gemeinderäume wird neu interpretiert und steht als Metapher für aktuelle Themen.

Weiterführende Gedanken


Die Neustrukturierung der St. Markuskirche erfordert im Hinblick auf neue Aufgaben und Projektfelder auch ein „Weiterdenken“ der angesprochenen Programmpunkte.
Es war Anliegen des Entwurfes, die Angedachten Programmpunkte als „Impulsgebende“ Elemente einzusetzen und dann im Hinblick auf das weitere Potential hin zu untersuchen und weiter zu Entwickeln.

Weiterdenken bedeutet für uns den wertvollen, bisher ungenutzten Raum mit verschiedensten Nutzungen zu belegen. Lebendige Kirche leuchtet und setzt ein Zeichen an einem Ort, der Kraft aus seiner Nähe zu Universitäten, den Pinakotheken und zum Zentrum der Stadt entwickelt. Gleichzeitig wirkt sie als unmittelbares Zeichen im Quartier.

Wir stellen uns den Kircheturm flankiert von hell erleuchteten Räumen vor.

Wie der neue Gemeindezugang werden die Seiten des Kirchenturmes nach außen durch leicht vorgeschobene Glasbaukörper akzentuiert. Sie können als „Leuchtzeichen“ in die nächtliche Stadt wirken.

Entre der Stadt

Die Treppenanlagen in den Türmen werden entfernt und ein ungenutztes Raumvolumen mit Wirkung in den Stadtraum entsteht. Der Ostflügel enthält ein, laufend geöffnetes, Kirchencafe mit Galerie. Nutzbar für Veranstaltungen oder nach der Gottesfeier.
Darüber sind Räume mit unterschiedlichsten Nutzungen wie Gespräche, Meditation, oder Seelsorge situiert.

Es besteht auch die Möglichkeit Räume zeitweise an Künstler vergeben, deren Arbeit im Zusammenhang mit Themen der Kirche stehen.
Auch ein Konzept eines „Artist in Resident“ kann realisiert werden.
In neuen Räumen können wöchentliche Gesprächsforen, das „Turmgespräch“, etabliert werden.

Ausstellungskirche

Der Bereich der Empore kann durch die neue Infrastruktur der Türme auch für Ausstellungsarbeit genutzt werden.

Veranstaltungskirche / weitere Ausbauschritte

Als vollwertige Programmkirche benötigt St. Markus zusätzliche Infrastruktur. Lagerräume, Garderobenfläche, Nebenflächen für Catering etc. können in einem unterirdisch an den Kirchenbaukörper angelagerten Volumen realisiert werde.

Der Kirchenraum kann als „Fassung“ für Empfänge, Tagungs- und Akademiearbeit aktiviert werden. Immer bleibt er aber als solcher präsent und verknüpft aktuelle Themen der Kultur und kirchliche Tradition.

Klimakonzept


Heizen – Lüften

Die Beheizung sämtlicher Räume erfolgt über eine Fußbodenheizung. Zur Deckung der Heizlast des Kirchenraumes wird in diesen Bereich zusätzlich eine Wandheizung vorgesehen. Die Wärme wird dabei über Wärmestrahlung eingebracht was sich positiv auf das Behaglichkeitsempfinden der Besucher auswirkt und ungewollte Staubaufwirbelung verhindert.
Zusätzlich kann im Sommer über dieses System Wärme abgeführt werden und der Raum mit einer Grundkühlung versorgt werden.

Wärme- Kälteversorgung

Die Wärmeversorgung erfolgt über eine Grundwasser-Wärmepumpe. Durch das geringe Temperaturniveau der nachgeschalteten Komponenten wie Fußbodenheizung und Wandheizung ( max. 45° Celsius ) werden mit diesem System selbst im Auslegungsfall eine Arbeitszahl von ca. 0,5 erreicht was geringe Betriebskosten sicherstellt. Dabei wird mit 1kW Strom ca. 5kW thermische Leistung erzeugt. Im Sommer kann dieses System ohne nennenswerten Energieaufwand zur Kühlung des Fußboden verwendet werden.

Bauphysik

Fenster:
Um den Heizwärmebedarf des Gebäudes zu reduzieren und Zugerscheinungen im Innenraum zu vermeiden werden die Fenster als Kastenfenster umgebaut. Dabei übernimmt die innenliegende Wärmeschutzverglasung die thermischen Funktionen.
Die aussenliegende hinterlüftete Einfachverglasung übernimmt den Wind und Regenschutz.

Wände:
Die Wände im Kircheraum erhalten eine Innendämmung in Verbindung mit einer Wandheizung. Damit wird der Heizwärmebedarf reduziert, die thermische Behaglichkeit verbessert und bauphysikalisch Mängel ausgeschlossen.

Dach:
Zur Reduzierung des Heizenergiebedarf wird auf dem Dachboden eine 12 cm starke mineralische Dämmung vorgesehen.

Lichtkonzept


Ziel der neuen Lichtkonzeption ist es dem Kirchenraum eine helle, einladende und wandelbare Gesamtatmosphäre zu geben. Gottesdienste am Tage, aber auch feierliche Abendandachten, sollen ebenso mit einem adäquaten Licht unterstützt werden, wie unterschiedlichste Gemeindeaktivitäten, sowie Konzert- und Kinoveranstaltungen.
Um die Homogenität und Leichtigkeit der neuen Raumgestaltung zu unterstützen geht die Grundbeleuchtung des Raumes von einer großen ruhigen Lichtfläche aus:
Die Decke des Mittelschiffes wird durch Fluterelemente an den Hauptstützen stimmungsvoll ausgeleuchtet und unterstützt so die Wirkung des hohen, hellen Raumes.
Im Zusammenspiel mit dieser indirekten Komponente, hellen direktstrahlende Pendelleuchten die Längsachse des Mittelschiffes auch im Bodenbereich auf.
Der Altarbereich wird mit Strahlern vom vorderen Hauptstützenpaar aus als Lichtinsel hervorgehoben.

Als Gegengewicht zur Längsausrichtung des Raumes werden die seitlichen Umgänge im Erdgeschoss durch Anstrahlen der Decken aufgehellt. Hierdurch wird eine stimmungsvolle Konturierung der Bogenstuktur und eine optische Aufweitung des Raumes erreicht.

Der Chor erhält eine flächige Anstrahlung der Wände aus einem umlaufenden Rücksprung im Bodenbereich. Durch die Beleuchtungsrichtung von unten und durch Nuancierung der Lichtfarbe hebt sich der Chor vom Hauptschiff ab. Dieser Effekt wird durch die optimierte Hinterleuchtung der drei Buntglasfenster nochmals verstärkt und bewirkt eine hohe atmosphärische Wirkung des Chorraumes.
Auch der hintere Altarbereich kann mit tiefstrahlenden Leuchten von der Decke aus betont werden.

Neben den gestalterischen Aspekten liegt die besondere Qualität des Lichtkonzeptes in der Variabilität der Beleuchtung.
Durch die vorgesehene Steuerung können alle Komponenten unabhängig voneinander geregelt werden. Lichtstimmung und Raumatmosphäre lassen sich so beliebig den verschiedenen Erfordernissen anpassen. Durch unterschiedliche Gewichtung der Komponenten wird eine zentrale Ausrichtung zum Altar hin ebenso unterstützt, wie auch eine Zonierung einzelner Bereiche, oder die Nutzung des gesamten Raumes.
Sowohl am Tage, als auch in den Abendstunden ist dabei immer eine adäquate Lichtstimmung
wählbar.